{"id":1014,"date":"2026-07-28T19:09:42","date_gmt":"2026-07-28T17:09:42","guid":{"rendered":"https:\/\/kampagne.welttag-suizidpraevention.de\/?page_id=1014"},"modified":"2026-08-07T18:33:39","modified_gmt":"2026-08-07T16:33:39","slug":"interview-mit-naema-gabriel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kampagne.welttag-suizidpraevention.de\/index.php\/interview-mit-naema-gabriel\/","title":{"rendered":"Interview mit Naema Gabriel"},"content":{"rendered":"\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Interview mit Naema Gabriel<\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber das Aufwachsen mit einer psychisch erkrankten Mutter, Schuldgef\u00fchle von Angeh\u00f6rigen und die Bedeutung offener Gespr\u00e4che \u00fcber psychische Krisen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:15px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"border-style:none;border-width:0px;grid-template-columns:35% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"820\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/kampagne.welttag-suizidpraevention.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bildschirmfoto-2026-07-28-um-18.56.55-820x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1016 size-large\" srcset=\"https:\/\/kampagne.welttag-suizidpraevention.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bildschirmfoto-2026-07-28-um-18.56.55-820x1024.png 820w, https:\/\/kampagne.welttag-suizidpraevention.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bildschirmfoto-2026-07-28-um-18.56.55-240x300.png 240w, https:\/\/kampagne.welttag-suizidpraevention.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bildschirmfoto-2026-07-28-um-18.56.55-768x959.png 768w, https:\/\/kampagne.welttag-suizidpraevention.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Bildschirmfoto-2026-07-28-um-18.56.55.png 1164w\" sizes=\"auto, (max-width: 820px) 100vw, 820px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zur Person<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Naema Gabriel<\/strong>&nbsp;ist Autorin, Drehbuchautorin und Illustratorin. <br><br>Sie spricht offen \u00fcber ihre Kindheit mit einer bipolar erkrankten Mutter und setzt sich heute f\u00fcr die Sichtbarkeit von Angeh\u00f6rigenperspektiven und Suizidpr\u00e4vention ein.<br>Mehr zu Naema Gabriel k\u00f6nnen Sie hier erfahren: <a href=\"https:\/\/www.naemagabriel.de\/\"><strong>www.naemagabriel.de<\/strong><\/a><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:15px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Welttag der Suizidpr\u00e4vention 2026 haben Studenten der Universit\u00e4t W\u00fcrzburg gemeinsam mit dem Nationalen Suizidpr\u00e4ventionsprogramm (NaSPro) eine crossmediale Kampagne entwickelt. Ziel ist es, \u00fcber Suizidalit\u00e4t zu informieren, Ber\u00fchrungs\u00e4ngste abzubauen und bestehende Hilfsangebote sichtbarer zu machen. Doch Pr\u00e4vention beginnt nicht erst im akuten Notfall. Sie beginnt dort, wo Menschen fr\u00fch Verantwortung \u00fcbernehmen, wo Kinder versuchen, das Unaussprechliche mitzutragen, wo Loyalit\u00e4t und \u00dcberforderung nebeneinanderstehen. F\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch haben wir mit Naema Gabriel gesprochen. Sie wuchs mit einer bipolar erkrankten Mutter auf. Heute blickt sie als Autorin auf ihre Kindheit zur\u00fcck und beschreibt, was es bedeutet, als Kind Angeh\u00f6rige einer psychisch erkrankten Person zu sein und was sie sich damals gew\u00fcnscht h\u00e4tte. Dieses Interview verbindet pers\u00f6nliche Erfahrung mit Reflexion und l\u00e4dt dazu ein, genauer hinzusehen: auf die Perspektive von Kindern, auf Schuldgef\u00fchle von Angeh\u00f6rigen und auf die vielen kleinen Schritte, die Entlastung m\u00f6glich machen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bevor wir einsteigen: M\u00f6chten Sie sich kurz vorstellen, vielleicht auch mit Blick<\/strong> <strong>darauf, wie Sie sich selbst als Autorin verstehen?<\/strong><br><br>Mein Name ist Naema Gabriel. Ich bin Autorin, Drehbuchautorin und Illustratorin. Und wenn ich \u00fcber meine eigene Kindheit mit einer psychisch erkrankten Mutter oder \u00fcber mein Erleben als Hinterbliebene nach Suizid schreibe oder spreche, dann tue ich das, um Betroffenen meine Erfahrungen zur Verf\u00fcgung zu stellen, in der Hoffnung, dass es hilfreiche Gespr\u00e4che er\u00f6ffnet. Oder dass es Menschen dazu ermutigt, professionelle Hilfe aufzusuchen.<br><br><strong>Was hat Sie dazu bewogen, Teil unserer Suizidpr\u00e4ventionskampagne zu<\/strong> <strong>werden?<\/strong><br><br>Mir gef\u00e4llt, dass die Initiative von jungen Leuten ausgegangen ist und die Hauptzielgruppe der Kampagne auch junge Leute sind. Meistens, wenn ich in meinem eigenen Leben mit Suizid in Ber\u00fchrung gekommen bin, waren junge Menschen davon betroffen. \u00dcbrigens mehr junge M\u00e4nner als junge Frauen. Das besch\u00e4ftigt und ber\u00fchrt mich sehr. Wenn Sprachlosigkeit vielleicht ein Faktor ist, der Menschen verzweifeln l\u00e4sst, m\u00f6chte ich gerne helfen, entlastende Gespr\u00e4che zu beginnen.<br><br><strong>In Ihrer Graphic Novel SINUS schildern Sie sehr eindr\u00fccklich Ihre Kindheit mit<\/strong> <strong>einer bipolar erkrankten Mutter. W\u00e4ren Sie bereit, dar\u00fcber etwas zu erz\u00e4hlen?<\/strong><br><br>Ja.<br><br><strong>Was war Ihnen beim Erz\u00e4hlen dieser pers\u00f6nlichen Erfahrungen besonders<\/strong> <strong>wichtig?<\/strong><br><br>Ich wollte, dass selbstbetroffene Kinder und Jugendliche, die das Buch lesen, nicht retraumatisiert werden \u2013 ein Begriff, den ich selbst erst sp\u00e4t gelernt habe. Deswegen habe ich bestimmte, sehr explizite Erlebnisse rausgenommen, und solche Erlebnisse oder Situationen ausgew\u00e4hlt, die beispielhaft stehen k\u00f6nnen f\u00fcr bestimmte Familien- und soziale Dynamiken oder innere Prozesse. Und ich wollte zeigen, wie sozusagen ein und dasselbe Problem, n\u00e4mlich die durch eine psychische Krankheit belastete Eltern-Kind-Beziehung \u2013 sich in unterschiedlichen Alters- oder Entwicklungsstufen der Protagonistin unterschiedlich zeigt, dass es aber jeweils auch L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten gibt.<br><br><strong>Gibt es vielleicht ein Erlebnis aus dem Buch, auf das Sie gerne etwas n\u00e4her<\/strong> <strong>eingehen m\u00f6chten?<\/strong><br><br>Es gibt einen Knackpunkt, wo die Protagonistin lernt, dass geographischer Abstand nicht dasselbe ist wie innerlicher Abstand. Da ist sie als junge Erwachsene weggezogen aus ihrer Heimatstadt und merkt, dass sie immer noch in der vermeintlichen Aufgabe steckt, ihre Mutter st\u00e4ndig vom Suizid abhalten zu m\u00fcssen. Sie bemerkt, dass sie darin gefangen ist, ihre Machtlosigkeit dagegen und sie explodiert auf gewisse Weise. Das soll keine Handlungsanweisung f\u00fcr das Publikum sein! Aber in dieser Geschichte ist es ein notwendiger, lebensbejahender Wendepunkt, hin zu einer ges\u00fcnderen Beziehung.<br><br><strong>Sie sprechen von einem Gef\u00fchl der st\u00e4ndigen Verantwortung, davon, als Kind<\/strong> <strong>das Gef\u00fchl zu haben, die Mutter vor dem Suizid bewahren zu m\u00fcssen. Gibt es<\/strong> <strong>etwas, was Sie Kindern oder Angeh\u00f6rigen mit \u00e4hnlichen Erfahrungen mit auf<\/strong> <strong>den Weg geben m\u00f6chten?<\/strong><br><br>Abgesehen nat\u00fcrlich von akuten suizidalen oder selbstgef\u00e4hrdenden Situationen, die einfach schnelles Eingreifen oder Hilfeholen erfordern \u2026 glaube ich, dass eine nachhaltige, authentische Stabilit\u00e4t im Gegen\u00fcber hilfreicher sein kann f\u00fcr eine an Depression erkrankte Person als ein instabiler, gelegentlicher Aktionismus oder so. Und: Den Drang von Kindern, sich mehr um das hilfsbed\u00fcrftige Elternteil zu k\u00fcmmern als um sich selbst, sehe ich als naheliegende Dynamik. Aber was sich da oft als fr\u00fche Reife und Verantwortungsbewusstsein zeigt, dahinter kann eine gro\u00dfe Not stecken.<br><br><strong>Sie haben gerade beschrieben, wie fr\u00fch \u00fcbernommene Verantwortung nach<\/strong> <strong>au\u00dfen wie Reife wirken kann, obwohl sie aus einer Not heraus entsteht. In SINUS gibt es diese eindr\u00fccklichen Autofahrten, die zwischen N\u00e4he und Gefahr<\/strong> <strong>schwanken. Wenn Sie heute darauf zur\u00fcckblicken: Was nimmt man aus so<\/strong> <strong>einem Auf und Ab mit?<\/strong><br><br>Auch wenn das die Gef\u00e4hrdung, das Leid nicht okay macht: Man lernt schon Dinge, die hilfreich sind f\u00fcrs Leben. Aber man lernt sie m\u00f6glicherweise zu fr\u00fch und in Lebensphasen, in denen es ja spezifische psychologische Entwicklungsaufgaben der Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung gibt. Und wenn das nicht matcht, kann es auch destruktiv sein. Zum Beispiel lernt man, st\u00e4ndig auf der Hut zu sein, auf sich selbst aufzupassen und Gefahren zu wittern. Aber das kann dazu f\u00fchren, dass man in einem Dauer-\u201eAlert\u201c-Zustand ist, der m\u00f6glicherweise zu einem chronischen Zustand des Nervensystems werden kann. Gesundheitliche Langzeitfolgen k\u00f6nnen dann eine Gefahr sein und es ist im Zweifelsfall sicher ratsam, professionelle Hilfe aufzusuchen.<br><br><strong>Sie beschreiben diesen dauerhaften \u201eAlert\u201c-Zustand sehr eindr\u00fccklich. Was<\/strong> <strong>hat Ihnen geholfen, mit diesem Zustand umzugehen?<\/strong><br><br>Prinzipiell alles, was mich k\u00f6rperlich zentriert und mir ein Gef\u00fchl von mehr Sicherheit gibt, ist etwas, was mein Nervensystem beruhigt. Im Speziellen ist das f\u00fcr mich Meditation, Sport, handwerkliches Arbeiten. Schreiben und Zeichnen haben mich schon immer beruhigt, mir Selbstvertrauen gegeben, auch Vertrauen in meine eigenen Wahrnehmungen von ansonsten irritierenden, desorientierenden Erlebnissen. Kreativit\u00e4t und Expression, also Dinge per (Sprach-)Bild auszudr\u00fccken, die schwer in Worte zu fassen sind, das hat sich bei mir als eine Art Gegengift zu Depression erwiesen.<br><br><strong>Gibt es Gef\u00fchle oder auch innere Zust\u00e4nde von Kindern in solchen Situationen,<\/strong> <strong>die h\u00e4ufig \u00fcbersehen werden?<\/strong><br><br>Ja, ich glaube, dass das Ph\u00e4nomen der Parentifizierung leicht zu \u00fcbersehen ist. Parentifizierung meint das eigentlich unfreiwillige, oft auch unbewusste \u00dcbernehmen der Elternrolle durch das Kind f\u00fcr das Elternteil, das in einer bestimmten Phase oder generell die Elternrolle f\u00fcr das Kind nicht so gut \u00fcbernehmen oder gar nicht \u00fcbernehmen kann. So parentifizierte Kinder und Jugendliche wirken nach au\u00dfen oft schon in sehr jungem Alter sehr reif, verantwortungsbewusst, kontrolliert, auch eher zur\u00fcckhaltend und still. Und da das im Alltag nun mal auch praktisch ist, gerade f\u00fcrein Umfeld, das sehr besch\u00e4ftigt ist \u2013 vielleicht mit der Sorge um das psychisch erkrankte Elternteil \u2013 werden die Kinder einfach schnell \u00fcbersehen und alle sind irgendwie froh, dass die nicht auch noch Probleme machen. Aber gerade das kann in der Konstellation ein Symptom f\u00fcr das eigentliche Problem der Kinder sein. Das ist tricky und schwierig anzusprechen. Aber es gibt M\u00f6glichkeiten!<br><br><strong>Wenn jetzt ein Kind oder eine jugendliche Person zuh\u00f6rt, die sich in Vielem<\/strong> <strong>wiedererkennt: Was w\u00fcrden Sie ihr gern mitgeben?<\/strong><br><br>Es ist schwerer, als man denkt, parentifizierten Kindern zu sagen: \u201cDu brauchst nicht die Elternrolle f\u00fcr dein Elternteil \u00fcbernehmen.\u201d Denn erstens erkennen diese Kinder das oft nicht \u2013 gerade, wenn sie nun mal in die Situation hinein aufgewachsen sind und nie was anderes kannten. Im Gegensatz zu erwachsenen Menschen, die eine kindlichere Kindheit hatten, und dann in die Situation kommen, f\u00fcr jemand anderen sorgen zu m\u00fcssen. Und zweitens ist es ein berechtigter Bew\u00e4ltigungs- und Selbstabsicherungsversuch, das Elternteil retten zu wollen. Aber wenn ihr selbst depressionsartige Symptome bei euch erkennt \u2013 zum Beispiel so eine tiefe emotionale Ersch\u00f6pfung, vielleicht Unf\u00e4higkeit, Freude zu empfinden, vielleicht eine Aggression gegen euch selbst oder das Gef\u00fchl, mit der Lebenswelt von Gleichaltrigen so gar nichts anfangen zu k\u00f6nnen \u2013 dann d\u00fcrft ihr euch Hilfe holen. Heute gibt es viele Anlaufstellen im Internet, wo man niedrigschwellig und anonym \u00fcber sowas sprechen kann. Und, meiner Beobachtung nach ist sehr viel geholfen, wenn in dem sozialen Umfeld einer psychisch erkrankten Person alle anderen ihre eigenen Rollen stabil und authentisch \u00fcbernehmen. Und das Kind eben Kind sein darf.<br><br><strong>Sie haben gerade das Umfeld erw\u00e4hnt: Gab es etwas, was sie sich damals<\/strong> <strong>gew\u00fcnscht h\u00e4tten, das das Umfeld f\u00fcr Sie vielleicht getan h\u00e4tte?<\/strong><br><br>Erstens: Entlastung statt Unterst\u00fctzung. Wenn ich selbst bei gut gemeinten Initiativen f\u00fcr Young Carers zu oft das Wort Unterst\u00fctzung h\u00f6re, nervt es mich, weil ich damit verbinde, dass die Kinder aus dieser super belastenden Rolle vielleicht gar nicht befreit werden sollen, sondern nur darin unterst\u00fctzt, gelobt oder so \u00e4hnlich. Lob f\u00fcr das Erf\u00fcllen einer Aufgabe, die einen eigentlich \u00fcberfordert, kann durchaus negativ sein. Wie viele andere habe auch ich mich in meiner Kindheit mit dieser Helferrolle \u00fcberidentifiziert, ohne es zu bemerken. Und zweitens: Altersgerechte Gespr\u00e4che aufAugenh\u00f6he \u00fcber die Themen psychische Erkrankung, Suizid(-gefahr) und selbstgef\u00e4hrdendes Verhalten.<br><br><strong>Sie unterscheiden sehr deutlich zwischen Unterst\u00fctzung und Entlastung. Wie<\/strong> <strong>k\u00f6nnen Au\u00dfenstehende konkret entlasten, ohne ungewollt Druck zu<\/strong> <strong>verst\u00e4rken?<\/strong><br><br>Statt betroffenen Kindern Erkl\u00e4rungen \u00fcberzust\u00fclpen, lieber eigene Wahrnehmung und Emotion mitteilen und Entlastung anbieten, zum Beispiel so: \u201cIch mach mir Sorgen, wenn ich sehe, wie \u2013 sagen wir mal \u2013 m\u00fcde du bist. Vielleicht gibt es etwas, was ich f\u00fcr dich tun kann.\u201d Als Kind ging es mir so, dass ich f\u00fcr vieles zwar noch nicht die Vokabeln hatte, aber sehr, sehr genau wusste, was ich da empfinde und beobachte. Ich halte es f\u00fcr eine Illusion oder ein Wunschdenken sogar, Kinder w\u00fcrden nicht so viel mitkriegen von \u201eunsichtbaren\u201c Erkrankungen. Im Gegenteil, ich glaube, dass sie sehr viel mehr mitkriegen und eben brauchen, dass man ihnen die Ausdrucksm\u00f6glichkeiten an die Hand gibt.<br><br><strong>Sie sagen, Kinder nehmen sehr viel mehr wahr, als Erwachsene oft glauben \u2013<\/strong> <strong>selbst, wenn ihnen die Worte daf\u00fcr fehlen. Das f\u00fchrt mich zu Ihrer<\/strong> <strong>k\u00fcnstlerischen Arbeit: Sie arbeiten h\u00e4ufig mit Humor, Metaphern und starken<\/strong> <strong>Bildern. Was sind diese Mittel f\u00fcr Sie?<\/strong><br><br>Ja, diese Mittel sind f\u00fcr mich zun\u00e4chst geboren aus einer Machtlosigkeit. Viele meiner Erlebnisse waren quasi zu gro\u00df, um sie in einen Satz oder auch eine ganze Geschichte zu bringen. \u201eRahmensprengend\u201c, w\u00fcrde ich sagen, ist der Begriff, der vor allem auf die manischen Phasen meiner Mutter zutrifft. Bilder, also Zeichnungen, aber auch Sprachbilder haben mir geholfen, mich auf das Wichtigste zu konzentrieren, was ich zu sagen hatte \u2013 und ich musste mich nicht an der ganzen Komplexit\u00e4t verschlucken. Eine schwarz-wei\u00dfe Bleistiftzeichnung ist ja selbst auch die Reduktion auf das Wichtigste. Ich glaube, es gilt auch f\u00fcr Humor oder Komik, dass die entstehen k\u00f6nnen, wenn man alles andere ausgesch\u00f6pft hat \u2013 wenn man an eine totale Grenze kommt, wenn man aufgibt, das Tragische aushalten zu wollen. Woody Allen wird dieses Zitat zugeschrieben: \u201cKom\u00f6die ist Trag\u00f6die plus Zeit.\u201d Statt \u201eZeit\u201c k\u00f6nnte ich auch sage\u201c innerer Abstand\u201d oder \u201ePerspektivwechsel\u201c. All das erm\u00f6glicht der Humor oder es erzeugt ihn manchmal erst. Das kann man nat\u00fcrlichnicht erzwingen. Die Komikerin Tig Notaro hat sich auch auf dieses Zitat bezogen, als sie \u00fcber ihre frische Krebsdiagnose sprach und sagte: \u201eI\u2018m just at tragedy right now\u201c \u2013 \u201eIch bin einfach gerade bei Trag\u00f6die\u201c. Und ich sage dazu: Alles hat seine Zeit und will durchlebt werden. Babysteps! Zu meinen Illustrationen: Wenn die Empf\u00e4nger meine Zeichnung, dieses Paket aus Information und Emotion, auspacken k\u00f6nnen und bei denen was ankommt, was ich abgeschickt habe, das ist dann f\u00fcr beide Seiten irgendwie begl\u00fcckend, hab ich gemerkt.<br><br><strong>Sie haben gerade Woody Allen zitiert, \u201cKom\u00f6die ist Trag\u00f6die plus Zeit.\u201d. Was macht Humor gerade im Kontext von Suizidalit\u00e4t m\u00f6glich, was andere Zug\u00e4nge<\/strong> <strong>vielleicht nicht leisten k\u00f6nnen?<\/strong><br><br>Wenn man erkennt: Es gibt nicht die eine schlagartige L\u00f6sung f\u00fcr mein Problem, es gab viele Faktoren, die zu dieser Verzweiflung gef\u00fchrt haben, es wird sicherlich viele Faktoren brauchen, um da wieder rauszukommen &#8211; dann wird auch klar: Schon der kleinste Faktor kann einer sein, der die gesamte Konstellation \u00e4ndert. So einen \u00fcberraschenden Perspektivwechsel, den erm\u00f6glicht auch der Humor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>In Ihren Werken begegnet uns immer wieder die Figur Mo. Welche Funktion hat<\/strong> <strong>sie f\u00fcr Sie beim Erz\u00e4hlen?<\/strong><br><br>F\u00fcr mich ist Mo ein Alter Ego oder eine Kunstfigur, in die ich Aspekte von mir einflie\u00dfen lassen kann, ohne mich als private Person ganz in die \u00d6ffentlichkeit zu begeben. Dadurch baut sie eine Br\u00fccke f\u00fcr mich. Dinge, die ich unbedingt ausdr\u00fccken m\u00f6chte oder glaube, dass sie f\u00fcr andere hilfreich sein k\u00f6nnten. Ich hoffe, dass Mo eine Art Identifikationsfigur ist f\u00fcr meine Leserinnen, dass Betroffene sich in ihr wiederfinden k\u00f6nnen, und Nicht-Betroffene etwas \u00fcber die Angeh\u00f6rigenperspektive verstehen.<br><br><strong>Wenn jemand Ihr Buch liest: Was w\u00fcnschen Sie sich, dass bei dieser Person<\/strong> <strong>entsteht?<\/strong><br><br>Ich w\u00fcnsche mir, dass das so weitergeht mit dem guten Feedback f\u00fcr das Buch \u201eSINUS\u201c und f\u00fcr meine Adaption davon, das H\u00f6rspiel \u201eBei Trost\u201c, sowie f\u00fcr seine Fortsetzung. Ich w\u00fcnsche mir und meinem Publikum gute Begegnungen bei meinen \u00f6ffentlichen Lesungen. Dort habe ich mein Buch als einen T\u00fcr\u00f6ffner f\u00fcr tiefe, erhellende Gespr\u00e4che und f\u00fcr ein wachsendes Netzwerk erlebt. Und ich w\u00fcnsche mir, dass dieses Buch weiterhin nicht nur gelesen, sondern benutzt wird: Ich habe geh\u00f6rt, dass es in Psychotherapien als Br\u00fccke in Gespr\u00e4che verwendet wird, das freut mich sehr.<br><br><strong>Sie haben schon erw\u00e4hnt, dass Sie unter Anderem \u00f6ffentlich \u00fcber sehr<\/strong> <strong>pers\u00f6nliche Erfahrungen sprechen. Wie ist es f\u00fcr Sie, mit dieser Geschichte<\/strong> <strong>sichtbar zu sein?<\/strong><br><br>Ich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht \u2013 also nicht direkt durch meine Publikationen oder \u00f6ffentlichen Auftritte. Aber Stigma rund um das Thema psychische Erkrankungen ist nach wie vor real und kommt manchmal in den unerwartetsten Situationen um die Ecke, auch f\u00fcr Angeh\u00f6rige. Und wo man das nat\u00fcrlich am allerwenigsten brauchen kann, ist im Arbeitskontext. Darum sch\u00fctze ich mich und meine Familie durch ein Pseudonym. Und deswegen w\u00fcrde ich auch nicht Leute aufrufen, sich mit ihrer eigenen Geschichte f\u00fcr immer ins Internet zu stellen. Aber ich glaube, anonymisierte oder pseudonymisierte wahre Geschichten zu erz\u00e4hlen kann sogar sehr heilsam sein. Das war auch ein Feedback von Jugendlichen, mit denen ich gearbeitet habe zu diesem Thema.<br><br><strong>In Ihrer Arbeit flie\u00dft oft auch die Perspektive der Hinterbliebenen ein. Wenn Sie<\/strong> <strong>m\u00f6gen, gibt es etwas, das Sie aus dieser Erfahrung gerne teilen m\u00f6chten?<\/strong> <strong>Vielleicht auch eher lieber \u00fcber das Danach als das Ereignis selbst?<\/strong><br><br>Ich habe in der Zeit gelernt, dass es schwerer war, passende Hilfe zu bekommen, als ich dachte. Dass ich daf\u00fcr mehrere Anl\u00e4ufe nehmen musste. Ich hab auch gelernt, dass Trauer eben nicht ist wie \u201eTraurigkeit hoch 2\u201c, sondern mit widerspr\u00fcchlichen, verwirrenden, chaotischen Gef\u00fchlen einhergehen kann. Und, dass Trauer nicht einen linearen, sondern seinen ganz eigenen zeitlichen Verlauf hat. Ich lernte auch das Ph\u00e4nomen der Retraumatisierung kennen. Also, dass v\u00f6llig zeitversetzte Situationen, die eigentlich nur entfernt an das eigentliche Erlebnis erinnern sollten, dann aber solche Gef\u00fchle ausgel\u00f6st haben, wie es f\u00fcr das Erleben des eigentlichen Erlebnisseserwartbar gewesen w\u00e4re. Das ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr, wo es total hilfreich war, eine entsprechende Vokabel zu lernen \u2013 hier eben \u201eRetraumatisierung\u201c. Sonst h\u00e4tte ich nicht so gut verarbeiten und einordnen k\u00f6nnen, was mir da passiert ist. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kunst oder Kreativit\u00e4t oft Werke hervorbringen, die dann zu Orten f\u00fcr Trauer werden, zu denen man zur\u00fcckkehren kann, um selbstbestimmter zu trauern.<br><br><strong>Sie haben gerade den sehr wichtigen Begriff der Retraumatisierung genannt.<\/strong> <strong>Gibt es weitere Aspekte des Hinterbleibens nach Suizid, die h\u00e4ufig<\/strong> <strong>missverstanden werden?<\/strong><br><br>Ich finde, dass das Sprechen \u00fcber Schuldgef\u00fchle manchmal zu kurz kommt. Hinterbliebene nach Suizid h\u00f6ren oft den gutgemeinten Satz: \u201cDu bist nicht schuld, deswegen musst du keine Schuldgef\u00fchle haben.\u201d Aber so einfach l\u00e4sst sich das nicht abhaken. Gerade weil man ahnt, dass es die Summe vieler einzelner Ausl\u00f6ser war, die in eine suizidale Situation gef\u00fchrt hat, wird man sich als hinterbliebene Person die qu\u00e4lende Frage nach einer Mitverantwortung, nach verpassten Chancen stellen \u2013 und sie vielleicht nie ganz beantworten k\u00f6nnen. Sicher ist, dass niemand f\u00fcr das ganze Leben und den ganzen Tod einer anderen Person verantwortlich ist. Aber \u00fcber das sehr reale Schuldgef\u00fchl w\u00fcrde ich das Gespr\u00e4ch erm\u00f6glichen wollen. Damit sollte niemand allein gelassen sein.<br><br><strong>Ich denke, wir sind jetzt bei einem sehr wichtigen Thema angekommen:<\/strong> <strong>Gespr\u00e4che. Viele haben Angst, im Gespr\u00e4ch etwas falsch zu machen. Was<\/strong> <strong>w\u00fcrden Sie Au\u00dfenstehenden raten, die mit Betroffenen oder Hinterbliebenen<\/strong> <strong>sprechen m\u00f6chten?<\/strong><br><br>Ich finde es sehr hilfreich, wenn Au\u00dfenstehende signalisieren, was sie wirklich anbieten k\u00f6nnen, und zwar stabil, nachhaltig und authentisch. Und wenn die Beteiligten wissen, dass es nicht sich dabei nicht um ein einziges Gespr\u00e4ch handeln muss, das dann alles abdeckt, sondern dass es ein dauerhaftes Angebot ist, auf das man vielleicht \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinaus zur\u00fcckgreifen kann. Und wenn sie vielleicht im Hinterkopf behalten k\u00f6nnten, dass Trauer und Traumabew\u00e4ltigung einen eigenen Zeitverlauf haben, weshalb es manchmal nach einem Jahr schwerer oder anders schwer sein kann als nach drei Wochen.<br><br><strong>Und was braucht es, um ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Suizidalit\u00e4t zu beginnen?<\/strong><br><br>Vielleicht ist ein guter Gespr\u00e4chsrahmen, wenn man eingesteht, dass man bei gewissen Dingen machtlos ist, aber dass man trotzdem authentisch etwas anbieten kann, wie gemeinsam verbrachte Zeit oder Zuh\u00f6ren.<br><br><strong>Gibt es etwas, das Ihnen grunds\u00e4tzlich in Gespr\u00e4chen \u00fcber Suizid und<\/strong> <strong>psychischen Krisen oft fehlt, vielleicht einfach etwas, was Sie grunds\u00e4tzlich<\/strong> <strong>erg\u00e4nzen m\u00f6chten?<\/strong><br><br>Mir ist bei diesem Thema die An- und Zugeh\u00f6rigenperspektive wichtig. Und die Tatsache, dass auch Kinder Angeh\u00f6rige sind, die nicht kleine Erwachsene sind, sondern altersbedingt ganz eigene Bed\u00fcrfnisse haben.<br><br><strong>Wenn jemand dieses Interview liest und unsicher ist, ob er oder sie Hilfe<\/strong> <strong>suchen oder ein Gespr\u00e4ch beginnen soll: Was kann die Person heute aus<\/strong> <strong>diesem Interview mitnehmen?<\/strong><br><br>Auch wenn der Wunsch nach dem einen gro\u00dfen, schlagartigen und radikalen Schritt sehr, sehr verst\u00e4ndlich ist, weil diese Welt und dieses Leben oft \u00fcberhaupt nicht auszuhalten sind, vor allem nicht f\u00fcr eine Person alleine: Um aus einer komplexen ausweglosen Situation herauszukommen, in die man durch viele Faktoren geraten ist, wird es wahrscheinlich viele kleine Schritte brauchen \u2013 und die Hilfe von anderen Menschen.<br><br><strong>Vielen Dank f\u00fcr diese klaren und zugleich tr\u00f6stlichen Worte. Sie machen<\/strong> <strong>deutlich, dass Ver\u00e4nderung nicht in einem einzigen gro\u00dfen Schritt passieren<\/strong> <strong>muss und dass es legitim ist, sich Unterst\u00fctzung zu holen.<\/strong><br><strong>Vielen Dank auch f\u00fcr dieses offene Gespr\u00e4ch und, dass Sie Ihre Erfahrungen<\/strong> <strong>mit uns geteilt haben!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-794e3cfa wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">21.01.2026<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\">Autorin: Sabine Schraut<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Naema Gabriel Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber das Aufwachsen mit einer psychisch erkrankten Mutter, Schuldgef\u00fchle von Angeh\u00f6rigen und die Bedeutung offener Gespr\u00e4che \u00fcber psychische Krisen. Zur Person Naema Gabriel&nbsp;ist Autorin, Drehbuchautorin und Illustratorin. Sie spricht offen \u00fcber ihre Kindheit mit einer bipolar erkrankten Mutter und setzt sich heute f\u00fcr die Sichtbarkeit von Angeh\u00f6rigenperspektiven und Suizidpr\u00e4vention [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1014","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kampagne.welttag-suizidpraevention.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1014","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kampagne.welttag-suizidpraevention.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/kampagne.welttag-suizidpraevention.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagne.welttag-suizidpraevention.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kampagne.welttag-suizidpraevention.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1014"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/kampagne.welttag-suizidpraevention.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1014\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1193,"href":"https:\/\/kampagne.welttag-suizidpraevention.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1014\/revisions\/1193"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kampagne.welttag-suizidpraevention.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1014"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}