Interview mit Naema Gabriel

Ein Gespräch über das Aufwachsen mit einer psychisch erkrankten Mutter, Schuldgefühle von Angehörigen und die Bedeutung offener Gespräche über psychische Krisen.

Zur Person

Naema Gabriel ist Autorin, Drehbuchautorin und Illustratorin.

Sie spricht offen über ihre Kindheit mit einer bipolar erkrankten Mutter und setzt sich heute für die Sichtbarkeit von Angehörigenperspektiven und Suizidprävention ein.
Mehr zu Naema Gabriel können Sie hier erfahren: www.naemagabriel.de

Zum Welttag der Suizidprävention 2026 haben Studenten der Universität Würzburg gemeinsam mit dem Nationalen Suizidpräventionsprogramm (NaSPro) eine crossmediale Kampagne entwickelt. Ziel ist es, über Suizidalität zu informieren, Berührungsängste abzubauen und bestehende Hilfsangebote sichtbarer zu machen. Doch Prävention beginnt nicht erst im akuten Notfall. Sie beginnt dort, wo Menschen früh Verantwortung übernehmen, wo Kinder versuchen, das Unaussprechliche mitzutragen, wo Loyalität und Überforderung nebeneinanderstehen. Für dieses Gespräch haben wir mit Naema Gabriel gesprochen. Sie wuchs mit einer bipolar erkrankten Mutter auf. Heute blickt sie als Autorin auf ihre Kindheit zurück und beschreibt, was es bedeutet, als Kind Angehörige einer psychisch erkrankten Person zu sein und was sie sich damals gewünscht hätte. Dieses Interview verbindet persönliche Erfahrung mit Reflexion und lädt dazu ein, genauer hinzusehen: auf die Perspektive von Kindern, auf Schuldgefühle von Angehörigen und auf die vielen kleinen Schritte, die Entlastung möglich machen können.

Bevor wir einsteigen: Möchten Sie sich kurz vorstellen, vielleicht auch mit Blick darauf, wie Sie sich selbst als Autorin verstehen?

Mein Name ist Naema Gabriel. Ich bin Autorin, Drehbuchautorin und Illustratorin. Und wenn ich über meine eigene Kindheit mit einer psychisch erkrankten Mutter oder über mein Erleben als Hinterbliebene nach Suizid schreibe oder spreche, dann tue ich das, um Betroffenen meine Erfahrungen zur Verfügung zu stellen, in der Hoffnung, dass es hilfreiche Gespräche eröffnet. Oder dass es Menschen dazu ermutigt, professionelle Hilfe aufzusuchen.

Was hat Sie dazu bewogen, Teil unserer Suizidpräventionskampagne zu werden?

Mir gefällt, dass die Initiative von jungen Leuten ausgegangen ist und die Hauptzielgruppe der Kampagne auch junge Leute sind. Meistens, wenn ich in meinem eigenen Leben mit Suizid in Berührung gekommen bin, waren junge Menschen davon betroffen. Übrigens mehr junge Männer als junge Frauen. Das beschäftigt und berührt mich sehr. Wenn Sprachlosigkeit vielleicht ein Faktor ist, der Menschen verzweifeln lässt, möchte ich gerne helfen, entlastende Gespräche zu beginnen.

In Ihrer Graphic Novel SINUS schildern Sie sehr eindrücklich Ihre Kindheit mit einer bipolar erkrankten Mutter. Wären Sie bereit, darüber etwas zu erzählen?

Ja.

Was war Ihnen beim Erzählen dieser persönlichen Erfahrungen besonders wichtig?

Ich wollte, dass selbstbetroffene Kinder und Jugendliche, die das Buch lesen, nicht retraumatisiert werden – ein Begriff, den ich selbst erst spät gelernt habe. Deswegen habe ich bestimmte, sehr explizite Erlebnisse rausgenommen, und solche Erlebnisse oder Situationen ausgewählt, die beispielhaft stehen können für bestimmte Familien- und soziale Dynamiken oder innere Prozesse. Und ich wollte zeigen, wie sozusagen ein und dasselbe Problem, nämlich die durch eine psychische Krankheit belastete Eltern-Kind-Beziehung – sich in unterschiedlichen Alters- oder Entwicklungsstufen der Protagonistin unterschiedlich zeigt, dass es aber jeweils auch Lösungsmöglichkeiten gibt.

Gibt es vielleicht ein Erlebnis aus dem Buch, auf das Sie gerne etwas näher eingehen möchten?

Es gibt einen Knackpunkt, wo die Protagonistin lernt, dass geographischer Abstand nicht dasselbe ist wie innerlicher Abstand. Da ist sie als junge Erwachsene weggezogen aus ihrer Heimatstadt und merkt, dass sie immer noch in der vermeintlichen Aufgabe steckt, ihre Mutter ständig vom Suizid abhalten zu müssen. Sie bemerkt, dass sie darin gefangen ist, ihre Machtlosigkeit dagegen und sie explodiert auf gewisse Weise. Das soll keine Handlungsanweisung für das Publikum sein! Aber in dieser Geschichte ist es ein notwendiger, lebensbejahender Wendepunkt, hin zu einer gesünderen Beziehung.

Sie sprechen von einem Gefühl der ständigen Verantwortung, davon, als Kind das Gefühl zu haben, die Mutter vor dem Suizid bewahren zu müssen. Gibt es etwas, was Sie Kindern oder Angehörigen mit ähnlichen Erfahrungen mit auf den Weg geben möchten?

Abgesehen natürlich von akuten suizidalen oder selbstgefährdenden Situationen, die einfach schnelles Eingreifen oder Hilfeholen erfordern … glaube ich, dass eine nachhaltige, authentische Stabilität im Gegenüber hilfreicher sein kann für eine an Depression erkrankte Person als ein instabiler, gelegentlicher Aktionismus oder so. Und: Den Drang von Kindern, sich mehr um das hilfsbedürftige Elternteil zu kümmern als um sich selbst, sehe ich als naheliegende Dynamik. Aber was sich da oft als frühe Reife und Verantwortungsbewusstsein zeigt, dahinter kann eine große Not stecken.

Sie haben gerade beschrieben, wie früh übernommene Verantwortung nach außen wie Reife wirken kann, obwohl sie aus einer Not heraus entsteht. In SINUS gibt es diese eindrücklichen Autofahrten, die zwischen Nähe und Gefahr schwanken. Wenn Sie heute darauf zurückblicken: Was nimmt man aus so einem Auf und Ab mit?

Auch wenn das die Gefährdung, das Leid nicht okay macht: Man lernt schon Dinge, die hilfreich sind fürs Leben. Aber man lernt sie möglicherweise zu früh und in Lebensphasen, in denen es ja spezifische psychologische Entwicklungsaufgaben der Persönlichkeitsentwicklung gibt. Und wenn das nicht matcht, kann es auch destruktiv sein. Zum Beispiel lernt man, ständig auf der Hut zu sein, auf sich selbst aufzupassen und Gefahren zu wittern. Aber das kann dazu führen, dass man in einem Dauer-„Alert“-Zustand ist, der möglicherweise zu einem chronischen Zustand des Nervensystems werden kann. Gesundheitliche Langzeitfolgen können dann eine Gefahr sein und es ist im Zweifelsfall sicher ratsam, professionelle Hilfe aufzusuchen.

Sie beschreiben diesen dauerhaften „Alert“-Zustand sehr eindrücklich. Was hat Ihnen geholfen, mit diesem Zustand umzugehen?

Prinzipiell alles, was mich körperlich zentriert und mir ein Gefühl von mehr Sicherheit gibt, ist etwas, was mein Nervensystem beruhigt. Im Speziellen ist das für mich Meditation, Sport, handwerkliches Arbeiten. Schreiben und Zeichnen haben mich schon immer beruhigt, mir Selbstvertrauen gegeben, auch Vertrauen in meine eigenen Wahrnehmungen von ansonsten irritierenden, desorientierenden Erlebnissen. Kreativität und Expression, also Dinge per (Sprach-)Bild auszudrücken, die schwer in Worte zu fassen sind, das hat sich bei mir als eine Art Gegengift zu Depression erwiesen.

Gibt es Gefühle oder auch innere Zustände von Kindern in solchen Situationen, die häufig übersehen werden?

Ja, ich glaube, dass das Phänomen der Parentifizierung leicht zu übersehen ist. Parentifizierung meint das eigentlich unfreiwillige, oft auch unbewusste Übernehmen der Elternrolle durch das Kind für das Elternteil, das in einer bestimmten Phase oder generell die Elternrolle für das Kind nicht so gut übernehmen oder gar nicht übernehmen kann. So parentifizierte Kinder und Jugendliche wirken nach außen oft schon in sehr jungem Alter sehr reif, verantwortungsbewusst, kontrolliert, auch eher zurückhaltend und still. Und da das im Alltag nun mal auch praktisch ist, gerade fürein Umfeld, das sehr beschäftigt ist – vielleicht mit der Sorge um das psychisch erkrankte Elternteil – werden die Kinder einfach schnell übersehen und alle sind irgendwie froh, dass die nicht auch noch Probleme machen. Aber gerade das kann in der Konstellation ein Symptom für das eigentliche Problem der Kinder sein. Das ist tricky und schwierig anzusprechen. Aber es gibt Möglichkeiten!

Wenn jetzt ein Kind oder eine jugendliche Person zuhört, die sich in Vielem wiedererkennt: Was würden Sie ihr gern mitgeben?

Es ist schwerer, als man denkt, parentifizierten Kindern zu sagen: “Du brauchst nicht die Elternrolle für dein Elternteil übernehmen.” Denn erstens erkennen diese Kinder das oft nicht – gerade, wenn sie nun mal in die Situation hinein aufgewachsen sind und nie was anderes kannten. Im Gegensatz zu erwachsenen Menschen, die eine kindlichere Kindheit hatten, und dann in die Situation kommen, für jemand anderen sorgen zu müssen. Und zweitens ist es ein berechtigter Bewältigungs- und Selbstabsicherungsversuch, das Elternteil retten zu wollen. Aber wenn ihr selbst depressionsartige Symptome bei euch erkennt – zum Beispiel so eine tiefe emotionale Erschöpfung, vielleicht Unfähigkeit, Freude zu empfinden, vielleicht eine Aggression gegen euch selbst oder das Gefühl, mit der Lebenswelt von Gleichaltrigen so gar nichts anfangen zu können – dann dürft ihr euch Hilfe holen. Heute gibt es viele Anlaufstellen im Internet, wo man niedrigschwellig und anonym über sowas sprechen kann. Und, meiner Beobachtung nach ist sehr viel geholfen, wenn in dem sozialen Umfeld einer psychisch erkrankten Person alle anderen ihre eigenen Rollen stabil und authentisch übernehmen. Und das Kind eben Kind sein darf.

Sie haben gerade das Umfeld erwähnt: Gab es etwas, was sie sich damals gewünscht hätten, das das Umfeld für Sie vielleicht getan hätte?

Erstens: Entlastung statt Unterstützung. Wenn ich selbst bei gut gemeinten Initiativen für Young Carers zu oft das Wort Unterstützung höre, nervt es mich, weil ich damit verbinde, dass die Kinder aus dieser super belastenden Rolle vielleicht gar nicht befreit werden sollen, sondern nur darin unterstützt, gelobt oder so ähnlich. Lob für das Erfüllen einer Aufgabe, die einen eigentlich überfordert, kann durchaus negativ sein. Wie viele andere habe auch ich mich in meiner Kindheit mit dieser Helferrolle überidentifiziert, ohne es zu bemerken. Und zweitens: Altersgerechte Gespräche aufAugenhöhe über die Themen psychische Erkrankung, Suizid(-gefahr) und selbstgefährdendes Verhalten.

Sie unterscheiden sehr deutlich zwischen Unterstützung und Entlastung. Wie können Außenstehende konkret entlasten, ohne ungewollt Druck zu verstärken?

Statt betroffenen Kindern Erklärungen überzustülpen, lieber eigene Wahrnehmung und Emotion mitteilen und Entlastung anbieten, zum Beispiel so: “Ich mach mir Sorgen, wenn ich sehe, wie – sagen wir mal – müde du bist. Vielleicht gibt es etwas, was ich für dich tun kann.” Als Kind ging es mir so, dass ich für vieles zwar noch nicht die Vokabeln hatte, aber sehr, sehr genau wusste, was ich da empfinde und beobachte. Ich halte es für eine Illusion oder ein Wunschdenken sogar, Kinder würden nicht so viel mitkriegen von „unsichtbaren“ Erkrankungen. Im Gegenteil, ich glaube, dass sie sehr viel mehr mitkriegen und eben brauchen, dass man ihnen die Ausdrucksmöglichkeiten an die Hand gibt.

Sie sagen, Kinder nehmen sehr viel mehr wahr, als Erwachsene oft glauben – selbst, wenn ihnen die Worte dafür fehlen. Das führt mich zu Ihrer künstlerischen Arbeit: Sie arbeiten häufig mit Humor, Metaphern und starken Bildern. Was sind diese Mittel für Sie?

Ja, diese Mittel sind für mich zunächst geboren aus einer Machtlosigkeit. Viele meiner Erlebnisse waren quasi zu groß, um sie in einen Satz oder auch eine ganze Geschichte zu bringen. „Rahmensprengend“, würde ich sagen, ist der Begriff, der vor allem auf die manischen Phasen meiner Mutter zutrifft. Bilder, also Zeichnungen, aber auch Sprachbilder haben mir geholfen, mich auf das Wichtigste zu konzentrieren, was ich zu sagen hatte – und ich musste mich nicht an der ganzen Komplexität verschlucken. Eine schwarz-weiße Bleistiftzeichnung ist ja selbst auch die Reduktion auf das Wichtigste. Ich glaube, es gilt auch für Humor oder Komik, dass die entstehen können, wenn man alles andere ausgeschöpft hat – wenn man an eine totale Grenze kommt, wenn man aufgibt, das Tragische aushalten zu wollen. Woody Allen wird dieses Zitat zugeschrieben: “Komödie ist Tragödie plus Zeit.” Statt „Zeit“ könnte ich auch sage“ innerer Abstand” oder „Perspektivwechsel“. All das ermöglicht der Humor oder es erzeugt ihn manchmal erst. Das kann man natürlichnicht erzwingen. Die Komikerin Tig Notaro hat sich auch auf dieses Zitat bezogen, als sie über ihre frische Krebsdiagnose sprach und sagte: „I‘m just at tragedy right now“ – „Ich bin einfach gerade bei Tragödie“. Und ich sage dazu: Alles hat seine Zeit und will durchlebt werden. Babysteps! Zu meinen Illustrationen: Wenn die Empfänger meine Zeichnung, dieses Paket aus Information und Emotion, auspacken können und bei denen was ankommt, was ich abgeschickt habe, das ist dann für beide Seiten irgendwie beglückend, hab ich gemerkt.

Sie haben gerade Woody Allen zitiert, “Komödie ist Tragödie plus Zeit.”. Was macht Humor gerade im Kontext von Suizidalität möglich, was andere Zugänge vielleicht nicht leisten können?

Wenn man erkennt: Es gibt nicht die eine schlagartige Lösung für mein Problem, es gab viele Faktoren, die zu dieser Verzweiflung geführt haben, es wird sicherlich viele Faktoren brauchen, um da wieder rauszukommen – dann wird auch klar: Schon der kleinste Faktor kann einer sein, der die gesamte Konstellation ändert. So einen überraschenden Perspektivwechsel, den ermöglicht auch der Humor.

In Ihren Werken begegnet uns immer wieder die Figur Mo. Welche Funktion hat sie für Sie beim Erzählen?

Für mich ist Mo ein Alter Ego oder eine Kunstfigur, in die ich Aspekte von mir einfließen lassen kann, ohne mich als private Person ganz in die Öffentlichkeit zu begeben. Dadurch baut sie eine Brücke für mich. Dinge, die ich unbedingt ausdrücken möchte oder glaube, dass sie für andere hilfreich sein könnten. Ich hoffe, dass Mo eine Art Identifikationsfigur ist für meine Leserinnen, dass Betroffene sich in ihr wiederfinden können, und Nicht-Betroffene etwas über die Angehörigenperspektive verstehen.

Wenn jemand Ihr Buch liest: Was wünschen Sie sich, dass bei dieser Person entsteht?

Ich wünsche mir, dass das so weitergeht mit dem guten Feedback für das Buch „SINUS“ und für meine Adaption davon, das Hörspiel „Bei Trost“, sowie für seine Fortsetzung. Ich wünsche mir und meinem Publikum gute Begegnungen bei meinen öffentlichen Lesungen. Dort habe ich mein Buch als einen Türöffner für tiefe, erhellende Gespräche und für ein wachsendes Netzwerk erlebt. Und ich wünsche mir, dass dieses Buch weiterhin nicht nur gelesen, sondern benutzt wird: Ich habe gehört, dass es in Psychotherapien als Brücke in Gespräche verwendet wird, das freut mich sehr.

Sie haben schon erwähnt, dass Sie unter Anderem öffentlich über sehr persönliche Erfahrungen sprechen. Wie ist es für Sie, mit dieser Geschichte sichtbar zu sein?

Ich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht – also nicht direkt durch meine Publikationen oder öffentlichen Auftritte. Aber Stigma rund um das Thema psychische Erkrankungen ist nach wie vor real und kommt manchmal in den unerwartetsten Situationen um die Ecke, auch für Angehörige. Und wo man das natürlich am allerwenigsten brauchen kann, ist im Arbeitskontext. Darum schütze ich mich und meine Familie durch ein Pseudonym. Und deswegen würde ich auch nicht Leute aufrufen, sich mit ihrer eigenen Geschichte für immer ins Internet zu stellen. Aber ich glaube, anonymisierte oder pseudonymisierte wahre Geschichten zu erzählen kann sogar sehr heilsam sein. Das war auch ein Feedback von Jugendlichen, mit denen ich gearbeitet habe zu diesem Thema.

In Ihrer Arbeit fließt oft auch die Perspektive der Hinterbliebenen ein. Wenn Sie mögen, gibt es etwas, das Sie aus dieser Erfahrung gerne teilen möchten? Vielleicht auch eher lieber über das Danach als das Ereignis selbst?

Ich habe in der Zeit gelernt, dass es schwerer war, passende Hilfe zu bekommen, als ich dachte. Dass ich dafür mehrere Anläufe nehmen musste. Ich hab auch gelernt, dass Trauer eben nicht ist wie „Traurigkeit hoch 2“, sondern mit widersprüchlichen, verwirrenden, chaotischen Gefühlen einhergehen kann. Und, dass Trauer nicht einen linearen, sondern seinen ganz eigenen zeitlichen Verlauf hat. Ich lernte auch das Phänomen der Retraumatisierung kennen. Also, dass völlig zeitversetzte Situationen, die eigentlich nur entfernt an das eigentliche Erlebnis erinnern sollten, dann aber solche Gefühle ausgelöst haben, wie es für das Erleben des eigentlichen Erlebnisseserwartbar gewesen wäre. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wo es total hilfreich war, eine entsprechende Vokabel zu lernen – hier eben „Retraumatisierung“. Sonst hätte ich nicht so gut verarbeiten und einordnen können, was mir da passiert ist. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kunst oder Kreativität oft Werke hervorbringen, die dann zu Orten für Trauer werden, zu denen man zurückkehren kann, um selbstbestimmter zu trauern.

Sie haben gerade den sehr wichtigen Begriff der Retraumatisierung genannt. Gibt es weitere Aspekte des Hinterbleibens nach Suizid, die häufig missverstanden werden?

Ich finde, dass das Sprechen über Schuldgefühle manchmal zu kurz kommt. Hinterbliebene nach Suizid hören oft den gutgemeinten Satz: “Du bist nicht schuld, deswegen musst du keine Schuldgefühle haben.” Aber so einfach lässt sich das nicht abhaken. Gerade weil man ahnt, dass es die Summe vieler einzelner Auslöser war, die in eine suizidale Situation geführt hat, wird man sich als hinterbliebene Person die quälende Frage nach einer Mitverantwortung, nach verpassten Chancen stellen – und sie vielleicht nie ganz beantworten können. Sicher ist, dass niemand für das ganze Leben und den ganzen Tod einer anderen Person verantwortlich ist. Aber über das sehr reale Schuldgefühl würde ich das Gespräch ermöglichen wollen. Damit sollte niemand allein gelassen sein.

Ich denke, wir sind jetzt bei einem sehr wichtigen Thema angekommen: Gespräche. Viele haben Angst, im Gespräch etwas falsch zu machen. Was würden Sie Außenstehenden raten, die mit Betroffenen oder Hinterbliebenen sprechen möchten?

Ich finde es sehr hilfreich, wenn Außenstehende signalisieren, was sie wirklich anbieten können, und zwar stabil, nachhaltig und authentisch. Und wenn die Beteiligten wissen, dass es nicht sich dabei nicht um ein einziges Gespräch handeln muss, das dann alles abdeckt, sondern dass es ein dauerhaftes Angebot ist, auf das man vielleicht über einen längeren Zeitraum hinaus zurückgreifen kann. Und wenn sie vielleicht im Hinterkopf behalten könnten, dass Trauer und Traumabewältigung einen eigenen Zeitverlauf haben, weshalb es manchmal nach einem Jahr schwerer oder anders schwer sein kann als nach drei Wochen.

Und was braucht es, um ein Gespräch über Suizidalität zu beginnen?

Vielleicht ist ein guter Gesprächsrahmen, wenn man eingesteht, dass man bei gewissen Dingen machtlos ist, aber dass man trotzdem authentisch etwas anbieten kann, wie gemeinsam verbrachte Zeit oder Zuhören.

Gibt es etwas, das Ihnen grundsätzlich in Gesprächen über Suizid und psychischen Krisen oft fehlt, vielleicht einfach etwas, was Sie grundsätzlich ergänzen möchten?

Mir ist bei diesem Thema die An- und Zugehörigenperspektive wichtig. Und die Tatsache, dass auch Kinder Angehörige sind, die nicht kleine Erwachsene sind, sondern altersbedingt ganz eigene Bedürfnisse haben.

Wenn jemand dieses Interview liest und unsicher ist, ob er oder sie Hilfe suchen oder ein Gespräch beginnen soll: Was kann die Person heute aus diesem Interview mitnehmen?

Auch wenn der Wunsch nach dem einen großen, schlagartigen und radikalen Schritt sehr, sehr verständlich ist, weil diese Welt und dieses Leben oft überhaupt nicht auszuhalten sind, vor allem nicht für eine Person alleine: Um aus einer komplexen ausweglosen Situation herauszukommen, in die man durch viele Faktoren geraten ist, wird es wahrscheinlich viele kleine Schritte brauchen – und die Hilfe von anderen Menschen.

Vielen Dank für diese klaren und zugleich tröstlichen Worte. Sie machen deutlich, dass Veränderung nicht in einem einzigen großen Schritt passieren muss und dass es legitim ist, sich Unterstützung zu holen.
Vielen Dank auch für dieses offene Gespräch und, dass Sie Ihre Erfahrungen mit uns geteilt haben!

21.01.2026

Autorin: Sabine Schraut