Interview mit Prof. Dr. Reinhard Lindner

Der Psychiater und Psychotherapeut Prof. Dr. Reinhard Lindner erklärt, warum es wichtig ist, offen über Suizid zu sprechen, welche Mythen rund um Suizidalität bestehen und welche Unterstützungsmöglichkeiten es für Betroffene und Angehörige gibt.

Zur Person

Prof. Dr. med. Reinhard Lindner ist Psychiater, Neurologe und Psychosomatiker. Er behandelt seit vielen Jahren suizidale Menschen in psychoanalytischer Psychotherapie. Neben seiner Tätigkeit in einer psychotherapeutischen Praxis in Hamburg ist er Professor für Soziale Therapie am Institut für Sozialwesen der Universität Kassel, wo er Sozialarbeiter und Psychologen ausbildet. Gemeinsam mit Barbara Schneider leitet er das Nationale Suizidpräventionsprogramm NaSPro und koordiniert dort bundesweite Aktivitäten zur Suizidprävention.

Reden rettet Leben

Ein Experte erklärt, warum über Suizid gesprochen werden muss, welche Mythen gefährlich sind und welche Unterstützung wirklich hilft.

Suizid gehört zu den häufigsten Todesursachen – und dennoch bleibt das Thema oft im Verborgenen. Viele Betroffene behalten ihre Gedanken aus Scham oder Angst für sich, während Angehörige unsicher sind, wie sie reagieren oder unterstützen können. Zum Welttag der Suizidprävention erläutert der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Lindner, welche gesellschaftlichen Mythen sich hartnäckig halten, woran sich Suizidalität erkennen lässt und welche konkreten Schritte im Alltag helfen können.

Warum ist es heute wichtiger denn je, offen über Suizid und Suizidprävention zu sprechen?

„Suizid ist immer noch tabuisiert. Tabu heißt: Menschen, die daran denken, sich das Leben zu nehmen, haben Sorge, darüber zu sprechen – und auch Angehörige oder Freunde haben Ängste, das Thema anzusprechen. Gerade jetzt ist Offenheit wichtig, weil es eine Tendenz gibt, Suizid als Option der Freiheit zu sehen. Dabei wird vergessen: Den meisten suizidalen Menschen geht es nicht um Freiheit, sondern es geht ihnen schlecht. Sie stecken in Problemen und wissen nicht, wie es weitergehen soll.“

Hat sich der gesellschaftliche Umgang mit dem Thema in den letzten Jahren verändert?

„Es gibt Dinge, die haben sich überhaupt nicht verändert, das müssen wir seit vielen Jahren immer wieder in die Gesellschaft hineintragen. Aber es gibt auch Veränderungen: eine zunehmende Akzeptanz und eine Vorstellung von Freiheit, von Entscheidungsfreiheit. Nach dem Motto: Wenn man suizidal ist, sollte es doch gut sein, aus dem Leben scheiden zu können. Das zeigt sich auch in Begriffen wie ‚sterbewillig‘. Das lässt völlig außer Acht, dass suizidale Menschen oft hin- und hergerissen sind – ambivalent. Genau darauf möchten wir aufmerksam machen. Selbstbestimmung ist zwar grundsätzlich ein sehr hohes Gut, doch bei suizidalen Menschen ist die Möglichkeit zu wirklich freien und verantwortlichen Entscheidungen oft stark eingeschränkt, weshalb Therapie, Beratung und Unterstützung helfen können, zu einer freieren Entscheidung darüber zu kommen, wie das Leben besser werden kann.”

Welche Rolle spielt der Welttag zur Suizidprävention?

„Der Welttag der Suizidprävention ist eine Möglichkeit, ein Thema, das herausgedrängt und tabuisiert wird, in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Durch gemeinsame Aktivitäten an einem bestimmten Tag kann viel besser auf Suizidprävention und Hilfsmöglichkeiten hingewiesen werden, als wenn man das über das ganze Jahr vereinzelt macht. Außerdem stärkt es auch die, die Suizidprävention betreiben: Man merkt, man macht diese Arbeit nicht allein und kann das Thema gemeinsam voranbringen.“

Was bedeutet der Begriff „Suizid“ – und warum ist eine präzise und sensible Sprache in diesem Zusammenhang so wichtig?

„Suizid heißt Selbsttötung, also der selbst herbeigeführte Tod. Wir sprechen von Suizid, weil wir ein Wort benutzen wollen, das keine Entwertung, aber auch keine Heroisierung in sich trägt. Wenn man zum Beispiel ‚Selbstmord‘ sagt, steckt das Wort Mord darin. Mörder sind Kriminelle. Ein Mensch, der Suizid begeht, ist aber nicht kriminell. Und wenn man ‚Freitod‘ sagt, steckt plötzlich das Wort Freiheit darin, obwohl die Freiheit suizidaler Menschen sehr oft stark eingeschränkt ist. Deshalb suchen wir ein Wort, das niemanden kränkt oder verletzt, aber auch nicht Suizid als wunderbare Lösung propagiert. Da bietet sich ‚Suizid‘ an.“

Welche hartnäckigen Mythen und Fehlannahmen begegnen Ihnen in Ihrer Arbeit rund um das Thema Suizid – und warum sind sie gefährlich?

„Sehr häufig begegne ich dem Mythos: Wer darüber redet, macht es nicht. Das ist aus vielen Jahren Psychotherapie-Erfahrung schlicht falsch. Wir wissen auch aus großen empirischen Studien, dass Menschen, die suizidal sind, mit ihrer Umwelt darüber kommunizieren, auf die eine oder andere Weise. Viele suchen Hilfe, bei Ärzten oder im Freundes- und Familienkreis. Aber diese Kommunikation scheitert oft. Und leider ist es so: Menschen, die darüber sprechen, können trotzdem Suizid begehen. Ein zweiter Mythos ist: Man kann nichts tun. Das verleugnet, dass Suizidalität behandelbar ist und dass Hilfe möglich ist, therapeutisch, sozial oder ganz konkret durch bessere Lebensbedingungen.“

Wie erkennt man, dass jemand suizidal sein könnte? Gibt es klare Warnsignale?

„Es gibt Warnsignale, die nicht hundertprozentig sind, die man aber im Kopf haben kann. Ein wichtiges Warnsignal ist, dass jemand sich aus einer sonst nahen Beziehung zurückzieht, also ein psychosozialer Rückzug. Man merkt: Der andere sucht Abstand, ist nicht mehr so in Kontakt und Verbindung. Ein zweites Warnsignal ist, dass Menschen darüber sprechen. Wenn jemand sagt: Mir geht es nicht gut, ich denke darüber nach, mich zu töten, gilt es, das anzunehmen und nicht kleinzureden oder wegzugucken. Häufig spielen auch bestimmte Situationen eine Rolle, zum Beispiel Verluste: der Tod eines wichtigen Menschen, Trennung, aber auch der Verlust der eigenen Gesundheit oder Selbstständigkeit.
Langfristige Warnsignale können lang anhaltende psychische Störungen sein, aber auch immer wieder auftauchende Beziehungsprobleme. Etwa, wenn jemand dauernd ins Abseits gerät oder ständig massiven Streit mit anderen hat. Auch Ärger, Streit und Aggressivität können eine andere Seite haben. Viele Menschen können schlecht über ihr Innenleben sprechen. Dann senden sie Signale aus, die missverständlich sein können. Manche Männer wirken in Verzweiflung sehr aggressiv. Im Hinterkopf zu haben, dass dahinter ein verzweifelter Mensch stecken kann, hilft, ins Gespräch zu kommen.“

Wie kann ich helfen, wenn ich vermute, dass eine Person aus meinem Umfeld suizidal ist? Gibt es konkrete Do’s and Don’ts?

„Wenn man das Gefühl hat: Da ist irgendetwas ziemlich im Argen. Mein Freund, meine Partnerin, mein Kollege, dem geht es überhaupt nicht gut, und ich habe das Gefühl, der will sich töten, dann ist das Zentrale, denjenigen anzusprechen. Das ist schwierig, weil man Angst hat, zu kränken, das Falsche zu sagen oder nicht zu wissen, was man dann tun soll. Aber direkt ansprechen, etwa: ‚Ich habe das Gefühl, dir geht es nicht gut. Was ist los?‘, ist der erste Schritt zur Hilfe. Der nächste Schritt ist: deutlich machen, dass Hilfe möglich ist. Man braucht einen bewussten Impuls zu sagen: ‘Ich weiß, dass es Unterstützung gibt, auch wenn ich nicht sofort genau weiß, welche.“

Sollte man das Thema direkt ansprechen, oder kann das „auf falsche Ideen bringen“?

„Da wissen wir eigentlich sehr genau: Menschen, die suizidal sind, empfinden es in der Regel als angenehm, wenn man sie direkt anspricht, freundlich und nichtverurteilend. Es ist eine gute Erfahrung, weil jemand sich zuwendet, besorgt ist und nachdenkt. Jemanden ‚darauf bringen‘ würde ja heißen, dass man den Suizid bestärkt. Das tut man nicht. Man überlegt gemeinsam: Was kann der nächste Schritt zur Hilfe sein? Aber es gibt diesen Mythos, dass man Leute erst dazu bringt, sich umzubringen, indem man darüber spricht. Empirische Studien haben dafür keinerlei Beweis gefunden.“

Wie kann man unterstützen, ohne sich selbst zu überfordern?

„Das Gespräch über Suizidalität kann die Umgebung sehr belasten. Umso wichtiger ist es, sich selbst Hilfe zu holen und sich zu informieren. Es ist gut zu wissen, dass Hilfe möglich ist und dass Therapie, Beratung und Unterstützung Menschen tatsächlich dazu bringen können, sich nicht umzubringen. Information und Wissen helfen, schwierige Gespräche besser zu meistern. Wichtig ist auch, sich von dem Gefühl zu befreien, sofort die absolute Lösung wissen zu müssen. Eher die Haltung: Lass uns zusammen überlegen, was der nächste Schritt sein kann. Und: auf Professionelle hinweisen. Manchmal muss man mehrfach suchen, bis man die richtige Person findet. Nicht bei der ersten Enttäuschung aufgeben.
Es gibt zudem auch Anlaufstellen für Angehörige – sowohl für Angehörige suizidaler Menschen als auch nach einem Suizid. In Deutschland bestehen Selbsthilfeinitiativen, Vereine wie AGUS sowie Psychotherapie, spezialisierte Beratungsstellen und Online-Angebote, etwa der Arbeitskreis Leben, die Telefonseelsorge oder Online-Beratungen wie U25 und MANO. Solche Hilfen sollten stärker bekannt gemacht werden.“

Wo findet man Hilfe, wenn man selbst betroffen ist oder sich in einer suizidalen Krise befindet?

„Es gibt sehr unterschiedliche Möglichkeiten, Hilfe zu finden. Es ist gut, zunächst mit Menschen zu sprechen, die einen Überblick über Hilfsangebote haben. Das können Hausärzte sein, die vor Ort oft die psychosozialen Angebote kennen. Für viele ist das leichter, weil man sich schon besser kennt. Natürlich kann man sich auch direkt an psychiatrische Institutionen wenden, etwa niedergelassene Psychiater oder die Ambulanzen psychiatrischer Kliniken. Wichtig ist auch: überlegen, wo man schon einmal Hilfe bekommen hat und mit wem man gut sprechen kann. Außerdem gibt es viele Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten: Beratung, soziale Arbeit, Psychotherapie oder psychiatrische Behandlung. Oder auch medizinische Behandlung, wenn es darum geht, schwere körperliche Erkrankungen so zu behandeln, dass man damit besser leben kann.“

Der Schritt zum Hausarzt oder in ein persönliches Gespräch erfordert oft großen Mut. Gibt es niedrigschwellige Angebote, die Betroffene zunächst nutzen können – etwa anonyme oder unkomplizierte Anlaufstellen –, um überhaupt erst den ersten Zugang zu Hilfe zu finden?

„Ja, ich glaube, der allererste Schritt ist überhaupt, mit jemand Nahem darüber zu sprechen. Dass dann zum Beispiel die Freundin sagt: Sag mal, hol dir doch Hilfe, lass uns mal zusammen gucken, was es gibt. Der erste Schritt ist, aus seinem Herzen keine Mördergrube zu machen, wenn ich das poetisch sagen darf. Das heißt also, nicht alles bei sich zu behalten, sondern sich zu zeigen. Und zwar jemandem, bei dem es schon einmal gelungen ist, sich verstanden zu fühlen.“

Was wünschen Sie sich von Politik, Medien und Gesellschaft, um Suizidprävention langfristig wirksamer zu gestalten?

„Was in Deutschland weiter massiv gefördert werden muss, ist der niedrigschwellige Zugang zu Hilfen bei Suizidalität, damit es Menschen leichtfällt, sich Hilfe zu holen. Das hat mit Öffentlichkeitsarbeit zu tun, mit der Gesellschaft, aber auch damit, dass es professionelle Hilfen gibt, denn manche Probleme lassen sich nicht durch Freundschaft oder Familie lösen. Niedrigschwellige Hilfen müssen möglichst kostenfrei, leicht erreichbar und flächendeckend sein. Gerade in ländlichen Gegenden gibt es noch viel zu wenig Angebote. Online-Hilfen können sehr wirksam sein. Es sollte nicht daran scheitern, dass man in einer Region lebt, in der wenige Menschen wohnen.Ein zentraler Wunsch wäre außerdem eine gut bekannte Notrufnummer für suizidale Menschen, die Menschen schnell an jemanden vermittelt, der den nächsten Schritt zur Hilfe mit ihnen klärt.“

30.12.2025

Autorin: Emma Ferrari


Hier steht das Interview zum Download zur Verfügung: